25.02.2015

Bericht von XENION e.V.:

Erneut brutaler Abschiebungsversuch eines jungen Mannes aus Syrien am 10.02.2015

Während Politik und Medien der Öffentlichkeit zu suggerieren versuchen, wie großzügig die Aufnahme insbesondere für Geflüchtete aus Syrien ist, und gerade Berlin das Image der Willkommenskultur und der Weltoffenheit pflegt, ist die Realität für viele Geflüchtete eine erschreckend andere.

Viele Menschen, die Schutz vor Verfolgung und Krieg suchen, sind zum Teil über Monate, manche sogar über Jahre, unterwegs, um schließlich in einem Land anzukommen, das ihnen Schutz und eine Lebensperspektive geben sollte. Haben sie es geschafft, nach Deutschland zu gelangen, aber nicht die finanziellen Möglichkeiten einen Fluchthelfer zu bezahlen, der eine direkte Einreise nach Deutschland ermöglicht, liegt in der Regel eine Registrierung in einem anderen EU-Land vor.

Die Geflüchteten sind der direkten Gefahr einer Rücküberstellung in dieses Land ausgesetzt, denn grundsätzlich gilt nach der sog. Dublin-III-Verordnung, dass der Staat, in den der Geflüchtete nachweislich zuerst eingereist ist, das Asylverfahren durchführen muss (d. h. niemand kann sich aussuchen, in welchem Land sein Asylverfahren durchgeführt wird). Es gibt viele Gründe, warum diese Menschen trotzdem hier in Deutschland ihren Asylantrag stellen möchten.

Zum Beispiel leben hier Familienangehörige oder Bekannte, die eine konkrete Unterstützung und Hilfe bei der Neuorganisation eines Lebens im Exil sind; eine Rückschiebung kann monatelange Inhaftierungen im Abschiebeland bedeuten (in Ungarn); eine Rückschiebung kann eine existenzielle Lebensbedrohung darstellen (in Italien, denn dort gibt es keine materielle Versorgung).

Auszug aus dem Berliner Tagesspiegel

(http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/sek-einsatz-in-berlin-neukoelln-angst-vor-abschiebung-fluechtling-drohte-mit-suizid/11357460.html)

Ein 24-jähriger Syrer hat am Dienstagabend einen SEK-Einsatz im Flüchtlingsheim Haarlemer Straße in Neukölln ausgelöst. Nach Angaben der Polizei sollte der Mann an diesem Tag abgeholt werden, um in den Abschiebegewahrsam gebracht zu werden. Der 24-Jährige war über Litauen nach Deutschland eingereist und sollte auf Anordnung des Landesamts für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten ins Baltikum zurückgebracht werden.

Die Fakten

A. ist 24 Jahre alt, Oppositioneller aus Syrien, war aktiv im Widerstand gegen die Regierung, wurde dort aufgrund seiner politischen Tätigkeiten mehrere Wochen inhaftiert. A. flieht 2014 aus seiner Heimat. Er überlebt einen gefahrvollen, schrecklichen Fluchtweg. Im Sommer stellt er seinen Asylantrag in Berlin. A. wird seit dem 21.10. 2014 bei XENION betreut, einem psychotherapeutischen Beratungs- und Behandlungszentrum für traumatisierte Flüchtlinge und Überlebende von Folter und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen.

Aus einem Attest von einem Facharzt für Neurologie vom 25.09.2014:

„Es handelt sich hier um einen PTSD. Er hat mir hier glaubhaft und nachvollziehbar Kriegsereignisse in Syrien geschildert, die diese Diagnose rechtfertigen. Er hatte Angststörungen, Flashbacks, es bestehen konkrete Suizidgedanken… Weitere Behandlungen sind dringend erforderlich. Bei Abschiebung sehe ich Gefahr für Leib und Leben des Patienten. Medikamentöse Behandlung muss weitergeführt werden und in der Folge eine Psychotherapie/psychiatrische Weiterbehandlung, Psychotherapie und psychiatrische Behandlung“.

Augenzeugenbericht seines Freundes, der das Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft mit A. teilt.

„Ich war bei ihm, als sie ihn abholen wollten. Die Polizei, zwei Männer in Zivil, kam gegen 20 Uhr abends. Es kann auch 20.30 Uhr gewesen sein.

A. war im Heim. Eine Person wurde zu ihm geschickt. Sie sagten, draußen warten Bekannte oder Verwandte auf ihn. Aber es war Polizei. Sie haben ihn angesprochen, da ist er weggerannt. Auf der Wiese ist A. ausgerutscht und so wurde er festgenommen. Man schleppte ihn in sein Zimmer. Er solle die Sachen zusammenpacken und mitkommen.

A. hatte schon immer Angst vor der Polizei. Schon in Syrien. Er wechselte selbst hier in Berlin die Straßenseite, wenn er die Polizei sah.

Um seine Sachen zu packen, habe er die Polizei gebeten aus seinem Zimmer zu gehen. A. gab vor, seine Sachen in einen Koffer zu packen. Währenddessen schnitt er sich mit einer Rasierklinge. Die Polizei wurde ungeduldig. Wir hofften, dass sie verschwinden. Wir wollten ihn ins Krankenhaus bringen. Das durften wir nicht. Stattdessen holte die Polizei Verstärkung. Da kamen die Schwarzuniformierten, die wie gepanzert aussehen, die mit den Helmen, voll ausgerüstet. A.s Zimmer ist im ersten Stock. Die haben dann eine „Schreckbombe“ (von außen vor das Fenster) installiert. Die hat kein Gas, macht aber Lärm, ein lauter Knall. Und dabei brachen sie die Tür auf.

A. hatte schon vorher angekündigt, dass er sich umbringe, wenn er abgeholt werde. Das hatte er dann auch versucht. Mit der Rasierklinge 7 Schnitte in den Unterarm. Sie stürmten rein. Ein Hund hat A. gebissen. An zwei Stellen gibt es Bisswunden. Der Boden war voller Blut.

Ich weiß nicht, wie es weiterging.

Als die Polizei A. endlich ins Krankenhaus brachte, durften wir nicht mit.

Wir haben in seinem Zimmer vier Ampullen gefunden. Wir vermuten, dass sie A. weichgespritzt haben, um ihn mitnehmen zu können. Genau kann ich das nicht sagen.

Was bitte haben wir verbrochen? Wir sind vor der Regierung Syriens geflohen, nun müssen wir vor der Polizei fliehen. Warum behandelt man uns so, dass man Hunde und Polizei auf uns hetzt?

Wir Mitarbeiter_innen von XENION e.V. sind entsetzt über einen derartigen Umgang mit Schutzbedürftigen.

Wir schließen uns den Forderungen von Pro Asyl an:

  • Für das Recht auf Freizügigkeit für Schutzberechtigte: freedom of movement.

  • Juristische Möglichkeiten für Schutzbedürftige großzügig zu nutzen (wie z.B. der Gebrauch des sog. Selbsteintritts, also eine Aufnahme eines Schutzbedürftigen aus humanitären Gründen).

  • Eine großzügige Regelung für Ehegattennachzug bzw. Familienzusammenführung.

  • Jeder Geflüchtete sollte das Recht haben, das Land, in dem er Schutz sucht, selbst zu wählen.

Mehr unter: www.wir-treten-ein.de


 

Der Bericht als PDF auf der Seite von Xenion e.V.


 

ANGEBOT

WIR BERATEN JUGENDLICHE
• Die Schwierigkeiten in der Schule haben
• Die Schwierigkeiten mit ihren Eltern haben
• Die Schwierigkeiten mit LehrerInnen und Jugendämtern haben

HIERZU BIETEN WIR JUGENDLICHEN
• Individuelle Betreuung und Beratung
• Unterstützung bei Konflikten
• Begleitung bei Gesprächen mit der Schule, dem Schulamt, dem Jugendamt und
  staatlichen Institutionen in Berlin Angebot von Nachhilfe und Lernberatung

• Freizeitangebote zur Stärkung sozialer Kompetenzen
• Projektarbeit an Schulen

WIR BERATEN ELTERN
• Ihre Erziehungskompetenz zu stärken
• Kulturelle, soziale und ökonomische Hindernisse zu überwinden
• Sich für den Bildungsprozess ihrer Kinder zu engagieren
• Ihre Kinder zu Erfolgen in der Schule zu befähigen
• Ihre Kinder bei der Ausbildungsplatzsuche zu unterstützen

HIERZU BIETEN WIR
• Begleitung der Eltern bei Gesprächen mit LehrerInnen, Schulen, Ämtern und
  Institutionen

• Einzelfallberatung
• Elterntreffen
• Vermittlung zwischen Eltern und Schulen
• Intervention und interkulturelle Konfliktlösung

VERANSTALTUNGEN

AG Bildung des Flüchtlingsrats Berlin 1xmonatlich

nächstes Treffen: 08.09.15, 16:30 - 18:30 Uhr / BBZ